Erwin Rehnus

Erwin Rehnus, Burg

Jahrgang 1924

  • Fleischer
  • Tierzuchtmeister
  • Fischer
  • Landwirt
  • Kahnfährmann
  • Bootsverleiher

„Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken, erst sorgte sie sich um uns, später war sie unseren Kindern eine liebevolle Oma – eine wunderbare Frau!“ Erwin Rehnus ist voller Anerkennung für die Leistungen seiner Mutter. Er hat so viel Achtung vor ihr, dass er über sie, schon selbst 83-jährig, ein Buch geschrieben hat. Er berichtet darin von den schweren Zwanzigern in die er und sein Bruder hineingeboren wurden, eine Zeit, in der Geld nicht viel wert war und es oft ums nackte Überleben ging. Im Spreewald wirkten sich besonders in den frühen dreißiger Jahren Missernten durch Trockenheit oder Hochwasser verheerend aus. „Ich kann mich erinnern, dass wir mal die Kartoffelernte mit dem Kahn gemacht haben, den wir über den überschwemmten Acker zogen. Andererseits gab es auch schlimme Trockenzeiten. Wir Kinder haben dann geholfen, die Kähne über die Sandbänke zu ziehen und haben dafür von den Gästen einige Groschen bekommen, während die Mädchen in der Zeit Blumen gepflückt und als Sträußchen an die Touristen verkauft haben. Im Winter fuhr Erwin auf Schlittschuhen, den handgearbeiteten „Spreewäldern“, auf den mehr oder weniger zugefrorenen Fließen, manchmal bis nach Lübbenau. Er vergaß dabei oft Zeit und Entfernung. Seine Mutter war mehr als einmal voller Sorge, wo denn der „verrückte Kerl“ schon wieder abgeblieben ist. Einmal war er erst spät abends zu Hause angekommen, die schon mit dem Schlimmsten rechnende Mutter war überaus erleichtert. „Woanders gab’s in solchen Fällen mächtige Dresche“, erinnert sich Erwin. „Nicht so unsere Mutter, sie schloss mich an ihr Herz und war einfach nur glücklich!“
Erwin nahm eine Fleischerlehre in Calau bei Meister Weber auf, er wohnte in dieser Zeit mit 3 Gesellen (und einer Waschschüssel) in einem winzigen Raum über der Fleischerei. Nur aller 2 Wochen durfte er Sonnabendnachmittag mal nach Hause fahren und dann auch ab und zu ein Fleischpaket mitnehmen. Der Meister zahlte ihm anfangs 50 Pfennige Wochenlohn. Und die Arbeitsbedingungen waren extrem schwer, auch die Gesellen ließen ihn die Hierarchie deutlich spüren: Wöchentlich musste er deren Stiefel putzen! „Als Stifte hatten wir keine Rechte, nichts zu melden und mussten immer nur kuschen!“
Erwin wurde nach der Lehre Soldat, war an ziemlich allen Fronten und auch „oft dem Tode Nahe“. Zwei Tage nach Kriegsende kam er in sowjetische Gefangenschaft. Wegen seiner wendischen Sprache, die dem Russischen ähnlich war, wurde er oft zu Dolmetschdiensten herangezogen. Die Gefangenen halfen auf den Ölfeldern des Kaukasus bei der Erdölgewinnung. „Unvorstellbar, wie die Russen damals förderten: Das noch erdwarme Öl wurde in von uns ausgehobene Gräben mit am Ende hölzernen Sperren geleitet und nach Erkalten mit dem Spaten abgestochen“, erinnert sich Erwin an diese Zeit, die auch seiner Mutter wieder alles abverlangte, denn sie wusste jahrelang nichts vom Verbleib ihres Sohnes. Erst am 2. Weihnachtsfeiertag des Jahres 1949 war die Familie wieder glücklich zusammen. Erwin half vorerst seinem Bruder in dessen Burger Fleischerei und fuhr mit ihm auf die Märkte: „Tagsüber verkaufen, nachts schlachten und die Ware für den nächsten Tag bereitstellen –manchmal bin ich mit dem Bissen im Munde am Tisch eingeschlafen!“ Aber mit den Jahren besserten sich die Lebensumstände, Erwin war inzwischen Fleischermeister, später sogar Betriebsleiter und 25 Jahre als Gutachter der Interkontrolle tätig und somit für den Export von Fleisch und Vieh ins meist kapitalistische Ausland zuständig. Mit Wally, einer gebürtigen Schlesierin, feierte er 1958 Hochzeit, Tochter Ramona und später Sohn Rainer erblickten das Licht der Welt. Schon zuvor wurde ein neues Blockhaus auf dem elterlichen Grundstück errichtet. Das Bauholz und andere Materialien wurden mit dem Kahn transportiert. „Die dicken Eichenstämme haben wir bis nach Lübbenau zum Sägen gefahren, die dann 4,50 Meter langen Bohlen mussten wir per Hand umständlich erst in und dann aus dem wackligen Kahn heben und zur Baustelle tragen. Hier machte sich aber Vater sehr nützlich, denn alles was mit Holz zu tun hatte, war seine Welt!“
Da die Familie auch eine Landwirtschaft mit Gemüseanbau unterhielt, mussten sie wie allen bäuerlichen Betriebe der Umgebung der Genossenschaft „Spreewaldgemüse“ beitreten. Hier erwies sich Erwin als tüchtiger Tüftler: Gemeinsam mit einer Jugendbrigade erfanden sie die perforierte Abdeckfolie zur Ernteverfrühung für Gemüse, besonders für die berühmten Spreewaldgurken: „Wir haben einfach mit der Bohrmaschine in die Folienrolle gebohrt – fertig war die Lochfolie! Auf der Leipziger Erfindermesse haben wir sogar dafür einen Preis bekommen.“ Noch heute muss er schmunzeln, wenn er über diese „geniale“ Erfindung spricht. Später entwickelten sie auch noch einen Meerrettichpflug.
Und im Sommer wurde mit den Gästen Kahn gefahren. Bei der siebenteiligen Fernsehserie „Spreewaldgeschichten“ waren sie mit ihren Kähnen präsent und fuhren Teams wie Darsteller über die Fließe. Die Kahnfahrerei, mit der jeder Spreewälder groß wird und die ihn auch ein Leben lang begleitet, war es auch, die nach der politischen Wende den Familien Rehnus Senior und Junior, Sohn Rainer ist inzwischen Inhaber des Betriebes, eine neue Perspektive bot. Es wurde angebaut und erweitert, ein Boots- und ein Aufenthaltsraum kamen hinzu, im Sommer werden manchmal bis zu 15 Leute im Servicebereich beschäftigt. „Wenn ich nicht grad fischen bin oder selbst Gäste fahre, bin ich im  Büro und bearbeite die Gästeanfragen - und das Fax-Gerät beherrsche ich perfekt!“ Der 84-jährige arbeitet, wenn es ihm die Zeit erlaubt, an seinem dritten Buch: „Nach dem so notwendigen ‚Dank an meine Mutter’ habe ich ein Buch über den Spreewald geschrieben, so wie ich ihn den Gästen bei den Kahnfahrten vorstelle. Nun schreibe ich über das Leben früher, so wie es mir erinnerlich ist und wie es mir erzählt wurde.“

Auszug aus der Preisliste für Kahnfahrten (lt. § 8 der Polizeiverordnung von 1930):

Tagestour ab Burg-Hafen bis 6 Pers. 16,80 DM, jede weitere Person 2,50 DM,
zum Landhaus Winzer (heute Jugendherberge) bis 6 Pers. 3,00 DM, jede weitere Person 0,45 DM

 

Peter Becker, Jan. 2009

Nachtrag: Erwin Rehnus verstarb am 5. März 2009

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