Dietrich Lusici

Dietrich Lusici

  • Jahrgang 1942 (Ragow, Spreewald)
  • Künstler aus Zerkwitz
  • Maler, Bildhauer, Designer

Blauer Schal und Filzstiefel: So sieht man Dietrich Lusici im Winter 2009. Der Schal ist blau, wie die Farbe vieler seiner Figuren und wohl auch noch so mancher Haustür im Spreewald, die Filzstiefel sind rein praktisch. Jeden Morgen, bei jedem Wetter fährt er mit dem Fahrrad eine Stunde über den Barzlin in die Natur des Spreewaldes. Die Filzstiefel trägt er gegen die Kälte und behält sie gleich an, wenn er in seinem sparsam beheizten Atelier arbeitet. Er ist angekommen, im Spreewald, seiner Heimat, die ihn geprägt hat. Es sind die Ursprünge, die wesentlichen Dinge, auf die sich jedes Leben reduzieren, ja abstrahieren, lässt – es ist die Sicht- und Malweise des Künstlers Dietrich Lusici, genährt durch das Alleinsein mit der Natur jeden Morgen aufs Neue: „Ich will nach wie vor das Leben spüren, es immer noch begreifen. Meine Kunst scheint mir dabei das einzig ordnende Mittel zu sein!“

Nichts deutet in den Kriegs- und Nachkriegsjahren darauf hin, dass Dietrich das Malen und die Künste in die Wiege gelegt wurden. Im Gegenteil: In den Jahren, in denen es ums wirtschaftliche Überleben ging, war die Beschäftigung mit Musen aller Art reine Zeitverschwendung. „Dietrich: Hole Gras für die Kaninchen! Dietrich: Gehe Heu wenden! Dietrich:…!“ Die Anweisungen seiner Familie hat er noch heute im Ohr, sie klingen immer noch nach, denn sie waren es, die ihm die Beschäftigung mit dem Malen, das er schon sehr frühzeitig für sich entdeckte, verwehrte. „Ich musste mir immer irgendwo Zeit stehlen, natürlich auch manchmal zu Lasten der mir übertragenden Aufgaben, was mir wiederum viel Ärger einbrachte. Sie war mit drei Kindern allein, mein Vater, den ich nie kennen lernte und unter dessen Verlust ich trotzdem sehr gelitten habe, war im Krieg gefallen, mein Großvater ein Kriegsinvalide des ersten Weltkrieges und keine große Stütze. Großmutter Pauline trug die Last der schweren Zeit allein. Der bäuerliche Wirtschaft in Ragow mussten sich alle unterordnen, jeder musste Seines beitragen, anders hätten wir wohl nicht überleben können“, so der verständigere Dietrich später.
In den wenigen Stunden knapper Freizeit malte er und jede freie Minute nutzend. Die Vorlagen holte er sich aus der Natur und von den Menschen, er war ein „Feld-, Wald- und Wiesengänger, ein Einzelgänger“ wie er sich rückblickend beschreibt. Er malte alles, was ihn interessierte, er malte auf allem, was einigermaßen geeignet schien. Manchmal auch auf Zeitungspapier oder Buchseiten, weil gutes Papier zu teuer war. Letzteres wurde die Grundlage für die späteren Übermalungen von Original-Malerbüchern. Seine eigene Kindheit spiegelt sich in dem Frühwerk „Urgroßvater mit Enkel“ wider.

Dietrich erlebte die kleine Dorfschule in ihren Vorzügen, denn die Lehrer unterrichteten in mehreren Fächern und konnten so Zusammenhänge viel besser vermitteln: „Meinen Lehrer Günter Schulz habe ich sehr geschätzt. Er erkannte, lange vor mir, mein Talent und fuhr mit uns in die Gemäldegalerie nach Dresden. Ich erinnere mich noch heute an das förmlich atemberaubende Erlebnis mit der Sixtinischen Madonna – so bedeutend wollte ich auch mal malen können. Von nun an war ich noch mehr besessen, ich wollte nur noch malen, malen, malen…. darüber habe ich vieles geopfert, auf meinem Weg zur Kunst.“

Zu seinen frühesten Werkgruppen zählen die „Lausitzer Mädchen“, die ihn in künstlersicher aber auch rein menschlicher Hinsicht in den Bann zogen: „Ich malte meine Verliebtheit und meine Pubertät in diese Figuren, meine ganze Jungen-Philosophie steckt in diesen Werken. Ich probierte auch Farben und Formen verschiedener Stilrichtungen.“ So beschreibt Lusici diese Zeit, die den damals Fünfzehn- Sechzehnjähriger prägte. „Was sind die Mädchen eigentlich für Wesen? Was ist so anders an ihnen?“ Die Antwort sieht man in seinen Bildern: Je nach Stimmung malte er sie, oft reduziert auf das Wesentliche in seinen Gedanken, meist in einfachen Linien. Man erkennt schon in diesen frühen Werken seinen Malstil, den er später auch beibehalten wird. „Ein Halleluja für den Himmel und ein Handkuss für die Erde. Zwischen Abstraktion und Figur, zwischen weise und naiv macht Lusici Bilder, die erinnern“, schrieb die Kunstkritikerin Nele Buschmann über ihn und fasst damit wie kaum jemand anderes eine Kunst zusammen, die sich eigentlich gar nicht zusammenfassen lässt, denn sie passt in keine Stilrichtung und folgt keiner Theorie. „Ich schaffe keine denkfaulen Bilder für mich, auch für keinen anderen nicht. Ein Bild, welches ich schon fertig in meinem Kopf habe, brauche ich nicht mehr zu malen, es ist dort, im Kopf, gut aufgehoben. Wenn ich male, ist es ein Prozess an dessen Ende etwas steht, was ich vorher noch nicht kenne, ich überlasse es aber auch nicht dem Zufall, ich interpretiere Natur, kopiere sie aber nicht, weil es auch gar nicht geht!“ Damit fasst Dietrich Lusici seine Auffassung über seine Kunst, seine künstlerisches Credo zusammen.

Aber erst mal war eine solide Berufsausbildung angesagt, dass hatte wohl die Familie noch durchsetzen können. Gesucht hatte er sich die Lehrstelle dann allein, natürlich kam nur eine Malerausbildung in Frage. „Diese Ausbildung als Dekorationsmaler hat mir viel technisches Rüstzeug gegeben, ohne diese Lehrjahre wäre mir später vieles schwerer gefallen. Ich hatte auch einen verständnisvollen Lehrmeister, der mich meine Ideen umsetzen ließ und mir Aufträge erteilte.“
Dietrich Lusici machte in dieser Zeit Bekanntschaft mit dem „Stockträger von Lübbenau“, des geistig leicht behinderten Helmut Noack, der stets korrekt gekleidet war einen bunt bemalten Stock nicht zum Gehen benutzte, sondern ihn in den Händen haltend vor sich her trug. „Wie sah dieser Mensch eigentlich die Welt?“ war für ihn die Frage, deren Antwort er auf das Bild übertrug. Waren die anderen nicht für den Stockträger die Clowns? Stand die Welt nicht irgendwie Kopf? Auf diesem frühen Werk sieht man die ersten Hinweise auf seine spätere „Anti-Zahlenwelt“! Es ist nun schon seit fast 50 Jahren im Besitz des Lübbenauer Spreewaldmuseums. Der damalige Museumsrat Krüger hatte ihm das Bild für 7000 DDR-Mark abgekauft. „Das war viel Geld für mich! Der Museumsrat hatte dann auch noch viel Ärger mit den Kulturfunktionären bekommen, denen das Bild nicht behagte und denen es auch viel zu teuer war“, schätzt Lusici seinen ersten nennenswerten Bildverkauf ein. Bis dahin hatte er sich auch wenig um Politik gekümmert, nun aber gab es erste Achtungszeichen. Hinweise, dass da noch jemanden gab, den seine Kunst interessierte, aber aus einem ganz anderen Standpunkt heraus, dem so genannten „Klassenstandpunkt“. Denn Lusici malte was ihm einfiel und was er für richtig hielt, ohne Rücksicht auf andere, ohne Kompromisse. Dies trug ihm später viel Ärger ein, so viel, dass eine „Scheidung anstand, eine Scheidung von dem Staat, der mich nicht gewähren ließ. Einem Staat, der meine Kunst nicht beachtet, werde ich auch keine Beachtung entgegen bringen“. Dietrich Lusici übersiedelte 1986 konsequenterweise in den Westteil Berlins über, in der er seit 1968 lebte und wo er 1977 bis 1979 Meisterschüler an der Akademie der Künste bei Professor Werner Klemke war. Die in seiner Berliner Zeit entstanden Werke, geprägt von Melancholie über zweimal Deutschland, wurden meist in Hinterzimmer und –höfen im Prenzlauer Berg gezeigt und diskutiert, eine Öffentlichkeit wurde ihm verwehrt, paradoxerweise. Dietrich Lusici hatte an einem internationalen Plakatwettbewerb der UNESCO teilgenommen, sein „Wasser ist Leben“ wurde 1974 in Warschau mit einem ersten Platz und einer Goldmedaille bewertet. In der ihm eigenen, auf das Wesentliche reduzierten Sichtweise, hat er einen springenden Fisch gezeichnet, der sich mit seinem schon skelettierten Hinterteil noch im verschmutzen, schwarzen, Wasser befindet und das noch gesunde Vorderteil in die blaue Luft reckt, die auch schon leicht schwärzlich gezeichnet ist. Mit solch einem Plakat konnte er nur in der aufgeklärten westlichen Welt verstanden werden, die Parteioberen sahen dies als affronts gegen ihre Wirtschaftspolitik, in der nur wenig Spielraum für Umweltschutz gewesen ist. Dieses handgemalte Original hat er nie zurück bekommen, es ist wohl in den DDR-Behörden verschwunden.
Mit der Übersiedlung in den Westen wurde nun alles anders, nicht aber besser - erst mal. „Wir wurden nicht gerade sehr freundlich empfangen, wir galten als Wirtschaftsflüchtlinge, die auch noch ein großes Stück vom Kuchen abbekommen wollten. Die Lebensbedingungen im Aufnahmelager Marienfelde waren teilweise unwürdig, man kam sich wie ein Mensch zweiter Klasse vor. Meine Kunst, mit der ich nun den Lebensunterhalt für meine junge Familie mit den zwei Kleinkindern unterhalten wollte, interessierte plötzlich keinen. Meine Kunst wurde höchstens eine Ware und war genau so viel Wert, wie sie Geld einbrachte – ich bin von einer Diktatur, die der Ideologie, in die Diktatur des Geldes gefallen, von einer Ohnmacht in die andere“, beschreibt Lusici diesen schwierigen Anfang in einer anderen Welt. Und bis zu einem Atelier in Charlottenburg sollten noch einige Jahre vergehen, eine Zeit, in der alle Arbeit angenommen werden musste!
Das Leben in der Großstadt war vielleicht für den Künstler ein Vorteil, für den naturverbundenen Menschen ein Nachteil. Die Enge der Stadt war nicht zu vergleichen mit der Weite seiner Heimat, des Spreewaldes. Mit dem Älterwerden wurde diese Sehnsucht auch immer ausgeprägter, aber auch unerreichbar geworden. Die politische Wende war da ein Segen, er und die Familie konnten aus dem ummauerten Berlin endlich wieder reisen wohin sie wollten. In seinem Bild „Mauerfall“, auch im Lübbenauer Museum zu sehen, zeigt er eine aufstrebende Engelsfigur, des „Engels für Berlin“, die schwärzliche Welt verlassend. Nun, im vereinten Berlin, fiel auch seine Kunst auf fruchtbaren Boden. In diese Zeit fiel die Ausstattung des Hotels „art appart“ im Kempinski Platza, die ersten Skulpturen der Sonnenträgerin, erste Fayancen, Service, Vasen und Kelche, die Gründung des Salons für Kunst „Luza Vier“.
Durch glückliche Fügungen (Hauserwerb im vom ehemaligen Heimatdorf nur 2 Kilometer entfernten Zerkwitz) und weniger glückliche, wie die Mietpreisverdopplung für das Atelier in boomenden Westberliner Citylage, konnte und wollte die Familie wieder zurück in den Spreewald kommen. Ehefrau Angela, eine Norddeutsche eigentlich, hat sich schnell eingelebt, als Künstlerin mit pädagogischer Ausbildung unterhält inzwischen ein eigenes Atelier für Malerei und Bildhauerei zur Förderung von Kindern. Dietrich Lusici hat sehr schnell wieder Fuß gefasst. Für das Paul-Gerhardt-Gymnasium in Lübben entstand in den Neunzigern die Skulptur mit den zwei Buchseiten, dem evangelischen Kindergarten in Lübbenau sponserte er Kunstwerke für den Lichthof und bedankte sich auf diese Weise bei Pfarrer Gottfried Vetter, den er schon seit dem sechziger Jahren kannte.
Sein neuestes Werk ist eine Leihgabe an die gräfliche Familie zu Lynar auf Gut Dubrau, eine Baumskulptur, die den Namen „Duft der Erde“ trägt und in der sich viele Themen und Symbole seines Schaffens widerspiegeln. Sein Mäzen, Eberhard Perschk, Chef der Lübbenauer Firma EMIS, stellt seine Lusici-Sammlung im öffentlich zugänglichen Bereich der Firma aus.

Viel hat er noch vor, der Künstler Lusici, der immer noch nicht am Ziel angekommen ist, aber nun wenigstens die Ernte aus vier Jahrzehnten Lebenswerk einfahren kann. Er ist bodenständig geblieben, der Natur auf ewig verbunden, in seinen Werken ebenso wie in seinem Leben. In seiner Zerkwitzer Künstleranlage watscheln die Laufenten, die beliebten Schneckenvernichter, durch Öko-Garten und Skulpturen, die Hühner liefern die Eier und die Kaninchen das Fleisch – fast so, wie in Kindertagen. Jeden Morgen wirft er sich den blauen Schal um und zieht die Filzstiefel an. Er füttert die Tiere, noch vor seinem Gang in den Spreewald. Irgendwie ist er aber doch angekommen, hat zu seinen Wurzeln gefunden und gibt bescheiden preis: „Ich wurde was ich war – ein Maler nur.“

Peter Becker, März 2009

LR v. 14.03.09

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