Erika Haschenz

Erika Haschenz, Lübben

Jahrgang 1928, verst. 2017

  • Mundartgeschichten

Die Lübbener Kupka hatte es Erika Donner, Jahrgang 1928, angetan. Das Mädchen und ihre Freundinnen aus der Gubener Straße trafen sich dort sommers wie winters. Da, wo heute ein Einkaufsmarkt ist, war die eigentliche Kupka an einem Spreearm der Amtsmühle. Wunderbar konnte man sich dort verstecken, spielen und rumklettern. Die Jungen kletterten gern über das Bogengeländer der Brücke. Kein Junge, der sich dieser Mutprobe nicht stellte, aber auch manches Mädchen, Erika sicher nicht.
An der Kupka wurde jedes Jahr zu Ostern die Walei aufgebaut, ein künstlicher Hügel aus Kies, von dem Kinder und Jugendliche ihre bunt bemalten Ostereier hinunter kullern ließen. Es gab regelrechte Wettekämpfe, dessen Ei am weitesten kullerte war Sieger. Das Walleien ist ein wendischer Brauch, der sich auch heute wieder zunehmender Beliebtheit erfreut. Ursprünglich liegt ihm ein Zauber zu Grunde, bei dem durch das Kullern von Eiern (als Fruchtbarkeitssymbol) über Wiesen und Felder deren Fruchtbarkeit positiv beeinflusst werden sollte.

Bei Verwandtenbesuchen in Wußwerk, der Großvater war dort Schulmeister, musste sie sich über die Aussprache ihrer dortigen Spielgefährten wundern, es war „ein eigentümliches Deutsch, gespickt mit wendischen Wörtern, aber schön anzuhören“, wie sie es später einschätzte. Diese Spreewälder Mundart sollte sie ein Leben lang begleiten.
Um den Tourismus in der Spreewaldstadt zu beleben, bekamen einige Mädchen von der Lübbener Stadtverwaltung Trachten verliehen und sie mussten darin durch die Stadt flanieren. Gern ließen Sie sich mit den Gästen fotografieren, ein Fotograf war sehr oft mit den Trachtengruppen unterwegs: Ihr Vater Max Donner. Er war ein begeisterter Hobbyfotograf, ihm sind die zahlreichen Aufnahmen der Stadt vor und nach der Zerstörung im Krieg zu verdanken. Vor wenigen Jahren erst hatte Erika seine Bilder, darunter auch einige der damals sehr seltenen Farbfotos in einer viel beachteten Ausstellung gezeigt.

Die Auswirkungen des Krieges bekam auch Erika bald zu spüren, die junge Büroangestellte war nach dem Besuch der Handelsschule nun als Steno-Kontoristin tätig geworden. In ihrem kriegswichtigen Betrieb, einer Bahnspedition musste sie jede Woche 60 Stunden arbeiten. Im April 1945 floh sie wie fast alle Lübbener Bewohner vor der anrückenden Front. Sie kam in einem Schaustellerwagen unter, der sie bis in die Priegnitz brachte.
Nach dem Krieg arbeitet sie dann in verschiedenen Einrichtungen, zumeist als Buchhalterin. Und 1951 heiratete sie ihren Dieter, den sie schon seit der Schulzeit kannte.

Seit vielen Jahren, nun schon Rentnerin, widmet sie sich wieder  der Sprache ihrer Kindertage. Sie las viele Mundart-Gedichte und Geschichten von Otto Lukas, Reinhold Broske und Karl Hahn, sie schrieb aber auch selbst mehrere Büchlein in Mundart, darunter „Unsere Kleenboan“, ein Nachruf auf die in den siebziger Jahren stillgelegte Spreewaldbahn, bei der alles sehr gemütlich zuging:

Paule kummt zu Boahnoff, als Zuch rinfoahrt.
Und gellinge er dem Lokfiehrer vakloart,
dass hingene noch seine Guste kommt,
und der Lokfiehrer, der soagt denne prompt,
ist gutt, iche woarte denn,
bis Libben, doa kumm wir allemoal noch een

Aber das Schreiben allein reichte ihr nicht, sie wollte diesen alten Spreewald-Dialekt auch unter die Leute tragen und richtete 1995 den Mundart-Kaffeeklatsch in Lübbener „Spreeblick“ ein. Sie lädt sich auch gern dazu andere „Mundartler“ ein, wie das Ehepaar Janzen aus Groß Lübbenau, Erika Menze aus Groß Wasserburg oder Edith Batz aus Schlepzig. In der Weihnachtszeit 2008 fand die 86. Veranstaltung statt!
Erika Haschenz hat das „Foto-Gen“  ihres Vaters im Blut, sie fotografiert sehr gern, noch mit ihrem alten analogen Apparat: „Ich bin alt und der ist alt – wir passen zusammen. Was Neues will ich nicht, der Topf in dem ich rühre, reicht völlig aus!“ Sie ist traditionsbewusst und lebt dies auch vor, aber von ihrer alten Schreibmaschine hat sie sich dann doch vor … Jahren getrennt, ihre neue heißt Personalcomputer: „Das ist doch eene gaanz amparte scheene Sache, doas ätte mir schon ville frieha zulejen sulln!“

Peter Becker, Jan. 2009

Fotoalbum Haschenz

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