Traute Romke

Gertraut ("Traute") Romke, Leipe

  • Trachtennäherin

„Ich? Trachtennähen? Das kommt nicht in Frage, mit diesen altmodischen Sachen befasse ich mich nicht!“ Diese Aussage musste sich 1977 Lotar Balke, Sammler sorbisch-wendischer Sitten und Bräuche, von Gertraut Romke gefallen lassen, als er dringend jemanden suchte, der die Leiper Haube nachgestalten konnte. Balke begleitete seit 1958 drei Leiper Familien, er beobachtete ihren Alltag und ihr Brauchtum. So war er auch häufiger Gast bei Mutter Marie Pasternak, die sich als gebürtige Leiperin seit Jahrzehnten im Lübbenauer Kirchspiel und dem Leiper Dorfleben eingerichtet hatte - ein interessantes Forschungsobjekt für den Wissenschaftler. Marie war perfekt im Haubenbinden, aber mit ihrem Tod hinterließ sie eine Lücke, in die nun Tochter Gertraut, die alle nur „Traute“ nannten, treten sollte.
Aus der ursprünglichen spontanen Ablehnung heraus entwickelte sich wohl auch dank der Überzeugungskunst Balkes Traute Romke zu einer Trachtenschneiderin mit inzwischen hoher Wertschätzung. „In Leipe gibt’s eigentlich keen Rock, der nich durch meene Aende ägangen is!“ Wie alle älteren Spreewälder beherrscht sie natürlich auch die Mundart, eingefärbt mit Leiper Kolorit. Etwa 60 Röcke, für die ungefähr je 20 Arbeitsstunden gebraucht werden, sind es inzwischen geworden. Nicht gezählt die Tücher, Spitzen und Borte ohne die ja keine Tracht auskommt! „Und ich nähe alles aus’m Kopp, ich brauch keene Vorlagen!“ Nähen ist für Traute auch Sport, denn wegen einer Venenerkrankung muss sie sich viel bewegen und da kommt ihr die alte Nähmaschine mit Fußantrieb gerade recht. Wenn’s mal nicht zu Nähen gibt, was sehr selten ist, schwingst sie sich aufs Fahrrad und radelt Richtung Lübbenau oder Burg, so wie sie es früher schon als kleines Mädchen getan hat. Damals allerdings mit dem Kahn. „Im Kahn bin ich quasi groß geworden“, erzählt die 1931 als viertes Kind des Littauer Wanderarbeiters Johann Pasternak und die Leiperin Marie Knöfel geborene Traute. „Ich musste schon als Achtjährige mit dem Kahn das Mittagessen zu meinem Vater in den Wald bringen, wo er in den lynar’schen Forsten häufig zu tun hatte.“ Wie alle Kinder dieser Zeit war sie in das Familienleben eingebunden, alle mussten sich einbringen, damit genügend zum Essen auf dem Tisch stand. Nach der Schule fuhr sie oft mit dem Kahn auf das Feld um dort den Eltern zu helfen, an Sonntagen ging es damit nach Lübbenau in die Kirche. „Aber ich bin  nie ins Wasser gefallen“, erzählt sie voller Stolz, „nur eine irgendwie im Kahn  gelandete Ratte hat mich einmal in Panik versetzt. Und die Tiefflieger, die in den letzten Kriegsmonaten über dem Spreewald kreisten. Jedes Mal habe ich mit dem Kahn unter einem Busch Deckung gesucht, ich wusste auch gar nicht, ob es deutsche oder feindliche Flugzeuge waren – ich hatte immer Angst.“ Als die Rote Armee von Boblitz her auf den Spreewald vorrückte, nahm die Familie achtzehn Boblitzer auf, in jeder Ecke des Hauses richtete sich jemand ein, drei Wochen lang. Dann verließen auch die Leiper mit ihren Zwangsgästen und dem Kahn ihr Dorf und fuhren tief in den Spreewald, in den Schappick (dt. „Froschgrund“), hinein. Dort verbrachten sie vier Tage auf dem Kahn, bevor sie wieder zurück kehren konnten.
Für Traute sollte nun der Start in ihren Traumberuf erfolgen, denn sie wollte unbedingt zur Kleinbahn, die damals zwischen Cottbus und Goyatz verkehrte. Aber ihre Mutter, die nun auch noch den Tod ihres Mannes im gleichen Jahr zu verkraften hatte, drang Traute zur Absage ihrer schon zugesagten Lehrstelle und bestand auf Mithilfe in der elterlichen Landwirtschaft, anders wäre die Arbeitslast für sie nicht zu bewältigen gewesen. So blieb Traute nur die Einsicht in die Notwendigkeit, denn die älteren Geschwister waren schon ausgezogen und standen nicht mehr zur Verfügung.
Achtzehnjährig lernte sie beim Leiper Tanz ihren Zukünftigen kennen, der als Flüchtling mit seiner Familie neu im Dorf lebte. Die Hochzeit fand 1954 statt, die Kinder Martin und Ilona kamen 1957 und 1959 zur Welt. Ehemann Gerhard war vierschichtig im Kraftwerk Lübbenau beschäftigt und neben der beruflichen Tätigkeit war nach wie vor die Landwirtschaft zu bewältigen. Zehn Rinder und andere Haustiere wollten täglich unter den schwierigen Arbeitsbedingungen im Spreewald versorgt sein. Traute sollte auch mal drei Wochen im Leiper Kindergarten aushelfen, „aber daraus sind dann sieben Jahre geworden“. Auch im Spreewaldhotel, einer damaligen Konsum-Gaststätte, half sie in der Saison aus. „Es waren damals täglich über tausend Essen, die über die Ausgabe gegangen sind!“
Nun ist es still an der Sapola geworden – wenn nicht grad die Nähmaschine rattert. „Ich muss in den nächsten Tagen diese Kindertracht fertig haben, ich habe den Termin fest zugesichert.“ Sie macht sich über eine Arbeit für die Leiper „Tanzmäuse“ her, in einem Umfang, wie sie sich es damals hätte nicht vorstellen können. „Die Mädels wachsen verdammt schnell, ich komm mit Nähen kaum nach“, stöhnt sie und ist dabei irgendwie noch glücklich.
Ohne ihre Kenntnisse und ihr Wissen über Trachten und Trageweisen, wäre es kaum möglich gewesen, die Spreewaldtracht wieder so lebendig zu machen, sie hat die Tracht wieder aus den Truhen geholt. „Traditionen leben – nicht nur bewahren!“ Dieses Motto prägt ihr Tun, es ist ihr neuer Lebensinhalt geworden.

 

Peter Becker, März 2009

 

s. LR 18.04.09

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