Die wendische Großmutter und die Mutter waren es, die der 1951 als Marlene Lindner in Kunersdorf geborenen den Sinn für das Traditionelle dauerhaft vermittelten. Auch die wendische Sprache wurde noch in der Familie gepflegt, aber da der schlesische Vater diese nicht verstand, entschied die Mutter, die Kinder deutschsprachig zu erziehen. Die Tracht aber wurde weiterhin täglich getragen. Großmutter konnte nicht verstehen, dass immer mehr wendische Frauen diese ablegten und in der Truhe verschwinden ließen. Gründe wie „zu unbequem“, „altmodisch“ usw. ließ sie einfach nicht gelten und lebte weiter das Trachtentragen vor. Marlene hat dies beeindruckt, denn als junges Mädchen war sie natürlich allem Modernen gegenüber sehr aufgeschlossen und fand es zumindest mutig, wenn jemand seine Überzeugungen aus- und vorlebte.
Kaum die Friseurin-Lehre bei der PGH Cottbus abgeschlossen, fand sie den Mann für’s Leben, zog in das Spreewalddorf Leipe und bekam ihre zwei Söhne. Sie heiratete in eine Familie, in der Trachten und Feste ebenso verwurzelt waren, wie in ihrem Elternhaus, wenn auch diese nicht unbedingt den Alltag beherrschten. Im örtlichen Konsum tätig, kam sie nun häufig mit Urlaubern in Kontakt, die sie immer wieder „Löcher in den Bauch“ fragten – und Marlene konnte antworten, sie wusste ja über das Wendische dank ihres Elternhauses bestens Bescheid. Ihrer musischen Begabung folgend, die sie schon in der Schulzeit erfolgreich pflegen und entwickeln konnte, wurde sie Mitglied im Burger Chor und trat mit diesem zur damals obligatorischen Urlauberbetreuung in den örtlichen FDGB-Ferienheimen auf, z.B. in der Bleiche oder im Kurhotel. Seit 1981 war sie auch oft solo mit ihrer „Plauderei über Land und Leute“ unterwegs und hatte viele Auftritte und immer wieder Kontakte mit den „neugierigen Urlaubern“. In den Wendejahren brach diese Form der Gästebetreuung erst mal weg und Marlene kellnerte sich durch’s Leben, im „Hotel Lausitz“, in der Burger „Linde“ und im heimischen „Cafe zur Spreewälderin“, das weithin für die Original-Hefeplinsen bekannt war. „Wenn ich mich wieder mal bei den Gästen verplaudert hatte, klingelte der Gastwirt mit seiner Glocke besonders laut, denn er wollte unbedingt die Plinse pfannenheiß servieren lassen, ein Qualitätsmerkmal der Gaststätte.“
Spätestens in dieser Zeit erkannte sie endgültig ihre Neigung für das Erzählende und die Musen und wurde freiberuflich tätig. Zahlreiche regionale und überregionale Auftritte und Moderationen wie beim „Mundartnachmittag“, dem „Radduscher Bauernabend“ und bei der „Spreewald-Plauderei“, bei Rundfunk und Fernsehen u.a. beim SWR, dem ARD-Buffet oder für einen Werbeclip für die Spreewaldgurke folgten. Gern beantwortet sie oft bei solchen Gelegenheiten die Frage nach ihrem Familienamen und seiner ursprünglichen Bedeutung: „Wer in Leipe nich’ Buchan, Konzack oder Jedro heeßt, ist zugereest“, schiebt aber dann nach, das Jedro aus dem Wendischen kommt und auf deutsch Kern heißt.
In den Printmedien erschienen ihre Kindergeschichten, z.B. die von „Max und Mirella“ die natürlich im Spreewäldischen angesiedelt sind. Mit dem Spreewald-Duo Lothar & Klaus produzierte sie eine CD mit Spreewaldliedern.
Marlene Jedro ist in diesen Jahren zu einer Botschafterin des Spreewaldes geworden, zu einer überzeugten Vertreterin wendischen Brauchtums. „Erst mit dem Älterwerden konnte ich mich immer besser in das Denken und Fühlen unserer Vorfahren hineinversetzen, ihre damaligen Sorgen und Nöte verstehen, aber auch ihre freudigen Feste nachvollziehen, von denen es im Spreewald so viele gab. Und ich glaube, der Gast spürt, dass es bei mir aus tiefstem Inneren kommt, dass ich nicht etwa eine Rolle spiele und den Kommerz im Kopf habe.“ Mit dieser Einstellung erreicht Marlene Jedro auch stets die Herzen ihrer Gäste, sie wird von denen als ein echtes Spreewälder Original empfunden. Sie pflegt auch eine zahlreiche und immer größer werdende Korrespondenz mit ehemaligen Gästen und am Spreewald und seinen Traditionen Interessierten, sie ist immer ansprechbar, wenn es um „ihren“ Spreewald geht. Nun selbst schon Großmutter, versucht sie das Traditionelle weiterzugeben, ihr neuestes Büchlein zielt schon in diese Richtung, denn es spricht besonders die Kleinen an. „Ich arbeite überhaupt sehr gern mit Kindern, sie sind ein ehrliches, wenn auch nicht immer leicht zu begeisterndes Publikum und eine Fundgrube für neue Ideen und Geschichten. Und vielleicht kann ich ihnen ein Stück Spreewaldgeschichte vermitteln, ihr Interesse wecken, ganz so, wie es meine eigene Großmutter mit mir getan hat.“
Webpräsenz: www.spreewald-plauderei.de
Publikationen:
Spreewaldplauderei, Regia-Verlag Cottbus,
Ferien auf dem Bauernhof, Regia-Verlag Cottbus, 2008
CD: „Burg, du bist ‚ne Perle“ (Jedro/Schnell)
CD: „Raddusch, Raddusch,…“ (Jedro/Schnell)
Liedtexte für Andreas Schenker und „Wir helfen“-Aktion sowie für die Leiper Tanzmäuse
„Spreewälder Geburtstagskalender“ mit Gedichten von Marlene Jedro und Fotos von Georg Tosonowski
Märchenbuch „Die schöne Wodarka“ Radochla-Verlag
Peter Becker, Jan. 2009
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