Altgeräteschau

Heinrich Harting, Burg

  • Spreewaldfischer
  • Kahnfährmann
  • Sammler alter Spreewaldtechnik

Jeder der sich schon mal in der Nähe des Burger Waldschlösschen-Hafens aufhielt, hat die metergroßen Knüppelbuchstaben MUSEUM am Burg-Lübbener-Kanal gesehen und ist vielleicht neugierig geworden. Dieses ist eines der etwas anderen Art: Es ist eine mehr  oder weniger unsortierte Sammlung von Geräten, Technik und Möbeln aus allen Zeiten aus dem Spreewald und dem Umland. Heinrich Harting, Jahrgang 1937, hat in 40 Jahren alles gesammelt, was andere weggeworfen haben. Die alte Halle  mit  200 Quadratmeter Fläche ist brechend voll, der Wind pfeift durch alle Ecken, hier und da hat sich der Staub der Jahrzehnte niedergelassen. „Ich habe einfach nur gesammelt, inzwischen sind es 625 Stücke, einige sind auch vermietet, aber zum Systematisieren bin ich noch nicht gekommen.“ Heinrich Harting zeigt seinen Fundus jeden und jederzeit (es gibt keine festen Öffnungszeiten) für einen kleinen Obolus. „Die Versicherungskosten müssten jedenfalls gedeckt werden. Und ich will nicht dafür aufkommen, wenn sich die Leute beim Rundgang beschmutzen oder irgendwo mal hängen bleiben. Leider sind auch nicht alle ehrlich, das eine oder andere Stück ist schon mal verschwunden“, bedauert Harting. 
Die Begeisterung für Maschinen und Technik hat er wohl schon von seinem Vater Heinrich, einem Schmied, übernommen. Die Familie unterhielt am Waldschlösschen eine kleine Landwirtschaft. Mutter Anna kümmerte sich um den Haushalt, Wirtschaft und um die vier Kinder. Sohn Heinrich tat es dem Vater nach und erlernte ab 1951 den Schmiedeberuf beim Meister Greschow in Burg. Später folgten Tätigkeiten in Neupetershain und in Cottbus, wo die Familie dann auch wohnte. Heinrich Junior hatte inzwischen 1963  geheiratet und war Vater von drei Töchtern geworden. Im Fernstudium qualifizierte er sich an einer Berliner Hochschule zum Diplomingenieur für Landtechnik – und war spätestens von da an endgültig von Technik und Technikgeschichte begeistert. Natürlich hat er den Trecker, im Spreewald „Eiserne Kuh“ genannt und einen Kahn aus Blech selbst gebaut: „So viel Schmiede-Ehre muss schon sein!“
Auf dem elterlichen Grundstück am Waldschlösschen wurde der Fundus nun immer größer. Sein ganzer Stolz sind ein alter Pferdeschlitten von 1910, ein Bootsmotor für Spreewaldkähne von 1926, eine Stiftendreschmaschine von 1830 und ein Küchenschrank, den seine Urgroßmutter vom Lübbenauer Grafen Lynar 1879 als Aussteuer erhielt.
Im ehemaligen Ausgedingehaus wohnen Heinrich und Margarete Harting nun seit der Wende, das Grundstück hat er seiner Tochter Bettina übertragen. Besonders Stolz ist er auf seinen Enkel Robert, der Vizeweltmeister im Diskuswerfen und bei den olympischen Spielen in Peking Vierter geworden ist.
Wer im Spreewald geboren ist, bleibt auch Spreewälder, selbst wenn er zwischenzeitlich woanders seinen Lebensunterhalt verdient hat. Auch Heinrich Harting erging es so: „Ich bin schon immer in meiner Freizeit mit Begeisterung Kahn gefahren, ich zeige gern meinen Gästen den Spreewald und die wunderschöne Natur. Auch Manfred Stolpe war beeindruckt, ihn durfte ich mal zur Polenzschänke fahren.“ Heinrich Harting stand auch zehn Jahre der „Arbeitsgemeinschaft der Kahnfährleute Burg und Umgebung“ vor, seit 1996 ist er Vorsitzender der „Gemeinschaft wendischer/sorbischer Spreewaldfischer Burg und Umgebung“ mit über 160 Mitgliedern. Der Verein bewirtschaftet über 200 Hektar Wasserfläche. „Die Spreewaldfischerei fasziniert mich immer noch, wenn ich auch im Moment durch ein Hüftleiden bedingt nicht mehr so oft auf den Kahn komme. Aber ich habe ja noch meine Reusen immer im Wasser.“ Direkt am Grundstück kann er ohne großen Aufwand täglich mehrmals einen Blick in diese werfen, sehr oft auch in leere: „Der Fischbestand ist zwar wieder besser geworden, aber so reichlich wie in meiner Kindheit ist er dann doch wieder nicht. Besonders freut es mich, dass es wieder mehr Quappen gibt, diese sind nämlich die besten Umweltindikatoren. Wenn sie wieder zunehmen, stimmt’s auch mit der Wasserqualität.“
Mit seiner Gehhilfe kann er sich ganz gut bewegen und schaut auch immer mal ans andere Ende des Grundstücks, zu seinem Lieblings- und Sorgenkind zugleich: „Wenn doch mehr Besucher kämen, dann könnte ich auch mal in mein Museum investieren“, seufzt er, aber gibt die Hoffnung noch lange nicht auf: „Die Leute sind durchaus interessiert, das Geld sitzt eben nicht mehr so locker, so dass für viele der eine Euro Eintritt schon zu viel ist. Angesichts der aktuellen Krise kommt mir wieder dieses Bild hoch, von dem meine Großmutter Pauline Jeroch berichtete: Sie war 1922 mit 5 Zentnern Meerrettich im Kahn auf den Lübbenauer Markt gefahren und bekam dafür 2 Körbe voll Geld. Sie wollte davon ein Brot und Streichhölzer kaufen, bekam aber letztlich nur die Schachtel Streichhölzer!“

Auf seinem Grundstück, dem Wasser zugewandt, steht auch ein einsamer Grabstein, dessen Inschrift die vorbeifahrenden Gäste neugierig macht: „War einst ein junger Fährmann und hab manche Fahrt gemacht – nun bin ich müde und hab anderen Platz gemacht.“ Heinrich Harting klärt dann auf und weist auf eine Seite des Spreewaldes hin, die selten im Mittelpunkt des Interesses steht: „Bei einem Grundwasserstand von nur 20 cm ist kein herkömmliches Grab möglich. Unsere Verstorbenen wurden deshalb, oft auch eine Strecke mit dem Kahn als letzte Fahrt, nach Burg oder Lübbenau gebracht, um dort auf den erhöhten Friedhöfen ihre letzte Ruhe zu finden. Der Stein soll an alle unsere Verstorbenen erinnern, denn im inneren Spreewald wird man keine Gräber finden.“

 

Peter Becker, Jan. 2009

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