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Leiper Dorfstraße 2: Es gibt nur wenige solcher Orte „am Ende der Welt“ im Spreewald. Hier genau endet die Straße und es beginnt die Zone I des Schutzgebietes, der Bereich, der nicht mehr betreten werden darf. Günter Buchan, Jahrgang 1943, kennt noch den Spreewald wie er hier ursprünglich war. Einziges Verkehrsmittel war der Kahn, die Straße nach Burg war noch nicht gebaut, nur den Fahrradweg nach Lübbenau gab es seit ein paar Jahren. Jeder fuhr Kahn, alles wurde mit dem Kahn transportiert. Die Oma, verantwortlich für die Versorgung der auf dem Feld arbeitenden Familienmitglieder, fuhr die Vesper mit ihrem kleinen Fischerkahn oft bis in die entlegendsten Winkel.
Auch Günter, der Letztgeborene von vier Söhnen, wurde mit dem Kahn groß. Oft machte er so manche Tour nach Lübbenau oder von da nach Leipe, meist Korn zur Stadtmühle hin und Schrot für die Tiere zurück nach Leipe – eine kraft- und zeitraubende Angelegenheit.
Es wurde auch ganzjährig gefischt, denn wie fast alle Spreewaldbauern hatten auch Buchan’s Fischereirechte im Grundbuch zu stehen. Günter musste wie seine Brüder oft die Reusen kontrollieren und neue Netze auslegen. An den langen Winterabenden wurden Körbe geflochten, Netze repariert oder gar neu gestrickt. Anfangs schaute er noch über die Schultern seines Vaters, später versuchte er sich schon allein und immer erfolgreicher in dieser traditionellen Kunst.
Günter Buchan erlernte den Beruf eines Landwirts, genauer eines Spreewaldlandwirts. „Auf’s Acker kam man eben nur mit dem Kahn, den Mist musste man ebenso hinbringen wie das Futter zurück, die Kühe kamen so auf die Weide und zum Schlachter, oft war der Kahn, der 25 Zentner transportieren kann, über den Eichstrich beladen“, erinnert sich an diese Zeit. Trotz der etwas anderen Bedingungen musste auch in Leipe eine LPG, eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, gegründet werden. „Mein Vater wurde LPG-Vorsitzender und ich sein angestellter Bauer – wir haben’s mit Humor genommen, zumal ohnehin bei mir berufliche Veränderungen anstanden, denn ich ging auf Montage zur Deutschen Reichsbahn, war eine Woche weg und eine Woche daheim.“ Diese Woche daheim nutzte Günter und half überall mit: Bei der Gurkeneinlegerei, beim Mosten, beim Hausschlachten, beim Kochen. So bekam er fast nebenbei einen Fundus an Kenntnissen vermittelt, den er später, ohne es je zu ahnen, nutzbringend anzuwenden verstand.
Mit der politischen Wende kam auch das Aus für seinen Bahnbaubetrieb, Günter Buchan stand vor der Arbeitslosigkeit oder vor einem Neubeginn. Er entschied sich für den Neubeginn. Im heimischen Leipe sollte der Bauernhof wiederbelebt werden, die inzwischen verstorbenen Eltern hatten ihm den Hof vererbt. Die Landwirtschaft im vereinten Deutschland verhieß nichts Gutes, die Familie beschloss daher, den sich deutlich abzeichnenden touristischen Aufschwung zu nutzen und in die Gästebetreuung zu investieren. „Vom Gast zum Wirt: Das war für mich ein weiter Weg. Das Bier an Fremde abzugeben und nicht selbst zu trinken, fiel schon schwer“, resümiert er schmunzelnd. Am Anfang stand ein mobiler Verkaufskiosk, später wurden Stallungen und Gelässe ausgebaut, Ferienzimmer mit inzwischen 15 Betten kamen hinzu. Günter Buchan war umtriebig genug, um seine Kenntnisse aus den Aushilfstätigkeiten und seine von Kindheit an erworbenen Fähigkeiten in den traditionellen Spreewaldgewerken geschäftsfördernd einzubringen. Ob mit Gurkeneinlegen im Sommer, mit Hausschlachtungen im Herbst oder mit Netze stricken im Winter (LR) – immer wieder zog er zahlreiche Schaulustige an und auch das Fernsehen wurde auf ihn aufmerksam. Für den NDR kochte er den berühmten Karpfengulasch, für das Heimatjournal des RBB gleich mehrfach verschiedene Fischgerichte, für die „Musikantenscheune“ und für die „Grüne Woche“ strickte er Netze. „Einmal musste ich ganz langsam stricken, denn 20 Maler haben mich dabei porträtiert.“
Berühmt sind auch seine Maxi-Buletten: „Was soll ich machen, ich habe nun mal so große Hände“, gesteht der passionierte Koch. Er ist wohl auch einer der wenigen Gastwirte, der sich seinen Fisch direkt vor der Haustür fängt. Er geht dann zum Schwiegermutterkasten, wie der Spreewälder die Lebendfisch-Vorratskisten nennt, und holt sich, was gerade vorrätig ist. Am liebsten bereitet er seinen Hecht in Buttermilch und Bier zu – eine Delikatesse, wie seine Gäste zu berichten wissen. Obwohl eigentlich schon Rentner, macht ihm die Arbeit immer noch sichtlich Spaß, er ist für alles offen und lebt für seine Gäste. Wegen einer Erkrankung musste ihm ein Bein amputiert werden, aber er nimmt es ziemlich gelassen und kämpft sich förmlich in die Arbeit zurück, seine Gehhilfen bleiben schon mal länger in der Ecke stehen. „Draußen ziehen die Quappen vorbei, ich muss bald auf den Kahn, um mir ein paar solcher Delikatessen, von denen es im Spreewald doch wieder recht viele gibt, zu fangen. Und dann gibt’s Quappenleber!“
Peter Becker, Jan. 2009
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