„Onkel August“
Wilhelmine Grassow, die letzte Pächterstochter der Leiper Dubkow-Mühle, hatte Anfang der zwanziger Jahre ein Auge auf den schmucken August Konzack geworfen. Diesem gefiel natürlich auch die Wilhelmine, aber sicher auch die Möglichkeit, mal eine Gaststätte zu führen und Gäste zu bewirten. August Konzack wurde am 15.07.1891 in Naundorf geboren und half bis zu seiner Einberufung 1913 dem Vater in dessen Landwirtschaft. Im Weltkrieg wurde August zweimal schwer verwundet und erst im Dezember 1918 entlassen.
Noch bis 1919 wurde in der Leiper Dubkow-Mühle, einer Gaststätte und Wassermühle, die dem Brandenburgischen Provinzialverband gehörte, Korn gemahlen. Danach verblieb nur noch das schon 1737 verliehene Schankrecht. Durch die Ehe mit Wilhelmine konnte nun August Konzack am 1. April 1922 die Gaststätte pachten. Der Pachtzins betrug damals das 222-fache des Wertes eines Zentners Heu, weil man sich in der Inflationszeit nicht auf einen Geldbetrag einigen wollte. August Konzack erkannte schnell die Zeichen der Zeit: Auch diese Krise wird mal vorbei sein und dann muss man für den Aufschwung gewappnet sein. Er ließ das überflüssig gewordene Wasserrad abbauen und nutze den nun freien Raum für Gaststätte und Pension. Das Lokal erfreute sich bald zunehmender Beliebtheit unter den oft weit her gereisten Gästen, die auch gern hier logierten. August Konzack konnte es sich bald leisten, das Mühlengrundstück für 15 000 Reichsmark zu erwerben, es ging damit 1934 endgültig in seinen Besitz über. Nebenher unterhielt er auch einen Gemüsegroßhandel. Er erkannte auch den Wert einer guten Reklame: „Mein Lokal liegt mitten im herrlichen Spreewald, in der Nähe des Lagunendorfes Leipe. Kahnfahrten, Angeln und Baden nach persönlichem Belieben und alles ohne Sonderkosten. Tägliche Rundfahrten in die weitere Umgebung, ebenfalls gratis. Die Verpflegung umfasst 5 Mahlzeiten, ist erstklassig und reichlich. Auch die Kosten sind angemessen, 3 Reichsmark pro Tag bei vollständiger Pension – ich erwarte Sie!“ August wusste auch um die Bedeutung der Legendenbildung. Aus dieser Zeit stammt die Geschichte vom Ochsenfrosch, der angeblich im Keller angekettet sei. Um Nachdruck zu verleihen, ließ er den Giebel mit einem riesigen Frosch bemalen – gut sichtbar für alle Wassertouristen. Der Radduscher Ortschronist Manfred Kliche, damals Kahnfährmann, erinnert sich: „Der August hat das jedem erzählt der es wissen wollte und auch nicht wissen wollte - er hat sich seinen Spaß mit der Geschichte, die er erfunden hatte, erlaubt.“
August Konzack scherte sich kaum um Etiketten und Formalien, er ging seine eigenen Wege. In seinem Nachlass, der erst 2010 bei Renovierungsarbeiten auf dem Spitzboden der Dubkow-Mühle gefunden wurde, stapeln sich Mahnungen, Einladungen zu Gerichtsverfahren und Strafbescheide wegen nichtbezahlter Rechnungen und anderer Verpflichtungen. Mit Papieren wollte er nichts zu tun haben, sie bedeuteten ihm nichts. Selbst ein Gestellungsbefehl zum Ende des 2. Weltkrieges zeigte keine sonderliche Wirkung: So soll er im Frühjahr 1945 dieser Einberufung zum Volkssturm zwar erst mal gefolgt sein, aber auf dem Weg nach Raddusch hat er einfach kehrt gemacht und zu Hause gesagt, „dass das doch alles Quatsch ist!“ Diese Verweigerung hätte ihn das Leben kosten können, aber bis zur abgelegenen Dubkow-Mühle drang weder das deutsche noch später das russische Militär vor. Hier hatten sich zu Kriegsende Hunderte Menschen auf der Flucht eingefunden, die von August Konzack täglich mit Kohlrübeneintopf versorgt wurden. Allerdings musste er sich auch einen bitterbösen Brief seiner bei ihm untergekommenen Verwandtschaft gefallen lassen, die er wohl sehr nachlässig wenn nicht gar geringschätzig behandelt hatte. „Euer bisschen Verstand ist seit langem von Geldgier und Raffsucht umnebelt“, heißt es in einem 1946 bitterbösen „Dankesbrief“ von der inzwischen im Westen untergekommenen Verwandten. Andererseits ging er mit den Zahlungsverpflichtungen seiner Gäste ziemlich sorglos um. Wer nicht zahlen wollte oder konnte musste eine Kerbe in ein Kantholz ritzen, welche der Wirt unter Verschluss aufbewahrte – dem Kerbholz eben. Diese kann man noch heute in der Gaststätte sehen! „Onkel August“ sorgte bis zu seinem Tode 1974 für immer wieder neuen Gesprächsstoff in der Umgebung und bestärkte damit seinen ohnehin schon legendären Ruf. So soll er seine Gäste angesichts einer Ratte in seiner Gaststätte mit der Bemerkung beruhigt haben, dass dies schon die größte war, die anderen Ratten wären kleiner! Studenten und Studierte schockierte er mit der Erkenntnis, dass „sie ganz schön dumm sein müssten, wenn sie solange zur Schule gehen“! Den in den sechziger Jahren aktiven Werbern für seinen Beitritt zur LPG (er besaß sieben Hektar Land) trat er stets höflich gegenüber, er bewirtete sie reichlich und auf seine Kosten – aber nie bekamen sie seine Unterschrift. August Konzack blieb einer der ganz wenigen Einzelbauern. Die Dubkow-Mühle hatte schon ziemlich zeitig einen Telefonanschluss, aber die zwei Freidrähte verwickelten sich schon mal bei Sturm. Dann zog August mit einer Rudel los und trennte die Drähte. Einem vorbei radelnden Genossen soll er auf dessen Frage geantwortet haben, dass er heute noch einen Anruf aus dem Westen erwartet und deshalb die Leitung frei halten muss!
Mit der Hygiene nahm er es wohl auch nicht so genau, denn die Toilettenanlagen der Gaststätte waren in einem unzumutbaren Zustand und stellten eine „Seuchengefahr“ dar, wie aus dem Schreiben der Kreishygieneinspektion Calau zu entnehmen war. Wasser für die Speisenzubereitung wurde aus einem Tankwagen, sonstiges Gebrauchswasser aus dem Fließ genommen, eine zentrale Wasserversorgung bestand nicht. Vorangegangene gebührenpflichtige Verwarnungen der Hygieneinspektion ließ er außer Acht. Mehrmalige Kontrollen und Auflagen der Behörden missachtete er derart, dass ihm 1967 staatlicherseits verboten wurde, Speisen anzubieten. Lediglich die Abgabe von Flaschengetränken wurde ihm noch erlaubt.
Dennoch ließ sich August Konzack nie die Laune verderben und gefiel sich offensichtlich in der Rolle des „Spreewald-Schweijk’s“. Einmal muss es ihm langweilig geworden sein, denn er ließ das Gerücht verbreiten, dass er sehr schwer krank sei. Die Nachricht erreichte bald Lübbenau und der Bürgermeister Hentschker machte sich gemeinsam mit Dr. Voss in dem von Wilhelm Prinz gesteuerten Motorkahn schleunigst auf, um dem Gastwirt die nötige Hilfe zukommen zu lassen. An der Mühle angekommen, trafen sie August beim Kartenspiel in der verräucherten Gaststube an, der sich nun seinerseits diebisch über den gelungenen Streich freute. Aber „Onkel August“ zeigte auch Mitgefühl mit seinen überraschten Besuchern und bewirtete seine Lübbenauer Gäste reichlich. Sie sollen erst am späten Nachmittag des nächsten Tages ihre Rückreise angetreten haben können…
Seinem Neffen Erich Konzack vererbte „Onkel August“ 1974 die Gaststätte. Als der Notar, der August Konzack auch persönlich kannte, das Testament eröffnete, bemerkte er, dass er an dem Dokument nicht die geringsten Zweifel hätte: „Auf einer Schulheftseite hingekritzelt, mit den Schmutzrändern einer Kaffeetasse – das ist echt August Konzack!“
Heute ist die "Dubkow-Mühle" einer der großen Anziehungspunkte im Spreewald. Tausende legen jährlich mit Paddelboot und Kahn an oder Radfahrer machen hier ihren Zwischenstopp. Erich und später Ilona Konzack haben die Gaststätte modernisiert - für ausreichend Werbung aber hat schon ihr Vorgänger gesorgt!
Peter Becker, 27.04.10
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